14 June 2016

Das wahre Leben des Sebastian Knight

Meine Wertung

„Spieglein, Spieglein an der Wand,…

…wer ist die Schönste im ganzen Land?“, heißt es bei den Gebrüdern Grimm und da ist die Wahl zwischen der bösen Königin und Schneewittchen noch einfach. Nicht so bei Nabokov, „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ ist ja auch kein Kindermärchen. Wer schafft es, dem eigenwilligen Schriftsteller Sebastian Knight, der "am einunddreißigsten Dezember 1899 in der ehemaligen Hauptstadt" Russlands geboren wurde und Mitte Januar 1936 stirbt, eine Seele einzuhauchen? Ist es sein Halbbruder, der Erzähler, das Alter Ego für Nabokov, sind es vielleicht Sebastians Weggefährten, etwa seine Schweizer Gouvernante, seine Studienkollegen in Cambridge, sein Manager und Biograf oder sind es am Schluss doch Sebastians Liebesaffären, die ihn lebendig werden lassen? Sind es überhaupt Menschen oder sind es Sebastians halbes Dutzend Bücher, die zuverlässig Auskunft über ihn geben? Viele Fragen, die sich zwischen dem Ende des Zarenreiches, der Russischen Revolution und dem spürbaren Aufkommen des Nationalsozialismus stellen. Wem in literarischen Spiegelkabinetten à la Nabokov schwindlig wird, kann sich um die Antworten drücken und es bei der Lektüre dieser Rezension belassen. Wer aber neugierig geworden ist, der kann versuchen, „Das wahre Leben des Sebastian Knight“ zu entdecken; mit großem Lesegenuss, aber ohne Garantie!

14 May 2016

Mein russisches Abenteuer

Meine Wertung
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!

Während der DuMont-Verlag das Buch "Mein russisches Abenteuer" noch mit dem Untertitel "Auf der Suche nach der wahren russischen Seele" bewirbt, geht's mit amazon.de in der Buchbeschreibung völlig durch, denn angeblich "begegnet der Berliner Journalist Jens Mühling wundersamen Menschen und schier unglaublichen Geschichten, die das 'echte Russland' sind." Welch eine instinktlose Anmaßung, zu behaupten, dass diese Sammlung netter, doch zumeist harmloser anekdotischer Reiseimpressionen dazu geeignet sein soll, das "echte Russland" zu erfassen! Der Autor selber ist da - hoffentlich - bescheidener. Falls er die sogenannte "russische Seele" überhaupt je gesucht haben sollte, so hat er seine Suche schon früh aufgegeben, denn schon auf den ersten Seiten seines Buches schreibt er in seinen Notizblock: "Die rätselhafte russische Seele gibt es nicht." Ist es nicht die Seele der Russen, die den jungen Autor antreibt, ist es zumindest die vermeintlich selig machende Religion, der Jens Mühling auf Schritt und Tritt in Russland auf der Spur ist. Seltsam genug, denn Atheismus, als staatsverordnete Religion, hat das Leben der Menschen in Russland mehr als sieben Jahrzehnte lang tief geprägt. Von Seite zu Seite fragt sich daher der ahnungslose Leser, warum sich die Religion in all ihren Arten und Abarten wie ein roter Faden durch das Buch eines jungen Autors zieht, der damit auf den ersten Blick wenig bis nichts am Hut hat. Erst im Anhang erfahren wir, dass der Fachverband der Konfessionellen Presse einen Teil der Recherche zu dem Buch "großzügig gefördert" hat; wie gesagt, "Wes Brot is ess,..."!?

08 March 2016

Das periodische System

Meine Wertung

Chemieunterricht und eine Geschichtsstunde im Piemont?

Nein, keine Sorge, das ist es nicht, "Das periodische System" des Autors Primo Levi kommt nicht schulmeisterlich daher. Ganz im Gegenteil, es animiert den Leser, mehr über chemische Elemente und deren Zusammenwirken, die italienische Geschichte des 20. Jahrhunderts sowie die Region des Piemont zu erfahren. Nicht wegzudenken ist hierbei das Piemontesische, eine galloromanische Sprache, die von der UNESCO als gefährdet eingestuft wird. Es spricht zudem für die gute Übersetzung, dass der Leser den Eindruck gewinnt, ein Gefühl für diese seltene Sprache und die Menschen, die darin Zuhause sind, zu entwickeln. Nein, eine Autobiografie, wie vielfach geäußert, ist "Das periodische System" nicht, eher eine Auswahl autobiografischer und zwei fiktionaler Erzählungen, die aber, befreit von der starren Struktur einer Biografie, gerade deshalb um so glaubwürdiger werden.

05 November 2015

Die Juden in der Bukowina

Meine Wertung

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/download/pdf/724402?name=Die%20Juden%20in%20der%20Bukowina

Geschichtsschreibung in Kriegszeiten...

...ist eine schwierige Angelegenheit. Zu stark sind die emotionalen Auswirkungen von Krieg und Kriegsberichterstattung auf historische Abhandlungen. Es bleibt daher nicht aus, dass Dr. Salomon Kassner aus dem Blickwinkel des Kriegsjahres 1917 die unbestreitbaren Fortschritte idealisiert, die "Die Juden in der Bukowina" während der österreichisch-ungarischen Herrschaft erzielt haben. So uneigennützig waren die Konzessionen, die das Kaiserreich gegenüber den Juden in ihrem Herrschaftsbereich gemacht hat, keineswegs. Wahr ist aber auch, dass erst das "Toleranzpatent" Kaiser Josephs II. vom 2. Januar 1782 und der Österreichisch-Ungarische Ausgleich von 1867 die rechtliche Gleichstellung der Juden in Österreich und Ungarn verankert haben. Dr. Salomon Kassner konnte 1917 noch nicht wissen, dass kein Vierteljahrhundert später die österreichischen Juden keinerlei Dankbarkeit für ihre außerordentliche Loyalität zum Kaiserreich während des Ersten Weltkrieges zu erwarten hatten.

28 October 2015

Jahrestage - Aus dem Leben von Gesine Cresspahl


Meine Wertung

Selbstvertrauen und Vertrauen...

...sind unabdingbar, wenn man die "Jahrestage" von Uwe Johnson verstehen und genießen möchte. Kommen wir zunächst zum Verständnis. Das vierbändige Hauptwerk von Uwe Johnson umfasst rund zweitausend Seiten und erschien zwischen 1970 - 1983; der Kommentar dazu geht über 1133 Seiten, hinzu kommt noch ein "Kleines Adreßbuch für Jerichow und New York" über 303 Seiten. Kann man das alles verstehen und wie soll da so etwas wie Genuss aufkommen? Die Sprache von Uwe Johnson gilt doch für viele als sperrig, sie tun sich schwer mit ihr und dem Autor selbst. Klar, eine eigenwillige und unnachahmliche Syntax, viele Einblendungen auf Niederdeutsch, Englisch, Dänisch, Russisch und Tschechisch tun ihr Übriges. Und doch, oder gerade deshalb: Die "Jahrestage", die 366 Tageseinträge vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968 beinhalten, sind das Jahrhundertwerk der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Sie garantieren uneingeschränkten Lesegenuss, vorausgesetzt, dass der Leser sowohl genügend Selbstvertrauen als auch Vertrauen zu Uwe Johnson aufbringt, um sich auf diese nahezu unendliche Lesereise zu begeben. Völlig zu Recht gehören die "Jahrestage" zu der ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher und stehen auf der Rangliste der wichtigsten deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts auf Rang 6. Nicht alle werden das so sehen und das ist auch gut so; einige werden die Lektüre nach wenigen Seiten aufgeben, andere jedoch werden die "Jahrestage" immer wieder lesen oder bei http://rostock-liest.de/ hören.