22 December 2018

Verschwörung gegen Amerika

Meine Wertung

America First ist keine Erfindung von Trump! 

Wer etwa meint, dass der Slogan "America First" eine Erfindung von Donald J. Trump sei, wie er es vor aller Welt in seiner Antrittsrede am 20. Januar 2017 verkündete/androhte, der täuscht sich. Das America First Committee (AFC), gegründet am 04.09.1940, war die größte Organisation der Isolationisten in den Vereinigten Staaten. Es wandte sich gegen eine Beteiligung der USA am Zweiten Weltkrieg. Charles Lindbergh war die bekannteste Persönlichkeit des AFC und steht im Mittelpunkt der "Verschwörung gegen Amerika", dem visionären Roman von Philip Roth, der zu dem Genre Alternativweltgeschichte zählt. So wie es aber keine alternativen Fakten gibt, ist Lindbergh auch nicht 32. Präsident der Vereinigten Staaten geworden, sondern Franklin D. Roosevelt. Selbst das hat den Holocaust nicht verhindern können, aber wie es für die Juden in den USA noch schlimmer hätte kommen können, thematisiert Philip Roth in seinem grandiosen Roman. Winston Churchill hat 1940 "Germany: Jekyll & Hyde" von Sebastian Haffner zur Pflichtlektüre für sein Kabinett gemacht; das Gleiche sollte man - im Doppelpack mit "Germany: Jekyll & Hyde" - mit "Verschwörung gegen Amerika" für das Kabinett von Donald Trump machen!

23 November 2018

Der Teufel ist ein schlechter Chauffeur • Zwischen Kopenhagen, Paris, New York und Berlin

Meine Wertung

Ich bin aber "Aufschreiber"

Das mag ja sein, dass der Teufel ein schlechter Chauffeur ist, wenn er Ruth Berlau auf ihren Reisen zwischen Kopenhagen, Paris, New York und Berlin begleitet. Dafür ist die Partnerin und wohl engste Mitarbeiterin von Bertolt Brecht, ohne die sein Werk in seiner Wirkung unvorstellbar wäre, ein um so besserer "Aufschreiber": "Schriftsteller. Da konnte man zu Hause sitzen und etwas zusammen dichten. Man erfand etwas. Eine Fabel mußte man zuerst haben. Dann fängt man seinen Roman an. Na, ich jedenfalls kann nicht mehr erfinden, als die Wirklichkeit hergibt: ich schreibe einfach auf. Ich schreibe auf, was ich sehe und höre. Damit ihr, liebe Leser mir glaubt, habe ich noch dazu fotografieren gelernt und werde ab und zu ein Bild daneben setzen. Doch wenn es gerade regnet oder wenn es dunkel ist, müßt ihr mir aufs Wort glauben. Auch bitte ich euch, meine komische Sprache zu verzeihen. Ich versuche in euerer aufzuschreiben, weil ich vermeiden will, den sogenannten Zwischenmann, den Übersetzer, zwischen dir, mein Leser und mir, dem Aufschreiber. Wir werden uns schon verstehen, wenn auch ein Satzbau nicht ganz korrekt. Deine Sprache, lieber Deutscher, ist ja schwierig, aber glaube mir, die meine lernst du nie." Der Wikipedia-Artikel zu Ruth Berlau ist eine hervorragende Ergänzung zu diesem kleinen, sehr feinen Buch.

21 November 2018

Die Nacht von Lissabon

Meine Wertung

Ein Meisterwerk - auf den zweiten Blick

Der Inhalt dieses Romans von Erich Maria Remarque ist leicht erzählt und Wikipedia bringt es auf den Punkt: "Der Erzähler ist ein deutscher Emigrant, der sich 1942 im Hafen von Lissabon befindet und ein Schiff betrachtet, das am nächsten Tag nach den USA ablegen wird. Soeben hat er sein letztes Geld im Kasino verspielt, in der Hoffnung, ausreichend Geld für eine Schiffspassage in die USA für sich und seine Frau zu erspielen – ein sinnloses Unterfangen letztlich, da beide keine Visa haben. Er trifft einen zweiten Emigranten, der sich ihm als Josef Schwarz vorstellt und ihm anbietet, ihm zwei Pässe mit Visa für die USA sowie zwei Schiffsfahrkarten zu überlassen, sofern der Erzähler ihm, Schwarz, diese eine Nacht Gehör schenke, so dass er ihm seine Lebensgeschichte erzählen könne. Der Erzähler willigt ein und er und Schwarz ziehen in dieser Nacht von einer Lissaboner Bar zur nächsten, durch Bordelle und Cafés, während Schwarz ununterbrochen die letzten Jahre seines Lebens Revue passieren lässt." Falls man jetzt meint, eine geradlinige Erzählung vor sich zu haben, deren Ende schon feststeht, dann täuscht man sich. Zugegeben, der Grundton ist leicht melodramatisch und "Die Nacht von Lissabon" kommt nur langsam in Fahrt, aber danach steigt die Spannung von Seite zu Seite und der Roman entwickelt sich zu einem facettenreichen Werk, das keineswegs so eindimensional verläuft wie zunächst vermutet.

12 November 2018

Die Abenteuer des Ruben Jablonski • Ein autobiographischer Roman

Meine Wertung


Nichts Halbes und nichts Ganzes

Edgar Hilsenrath bezeichnet "Die Abenteuer des Ruben Jablonski" als einen autobiographischen Roman. Genau hier liegt das Problem, denn für eine Autobiographie ist das Buch viel zu oberflächlich, für einen Roman literarisch viel zu anspruchslos. Das ist ohne Zweifel eines der schwächeren Werke von Edgar Hilsenrath. Da der Autor exemplarisch den Lebensweg eines Juden aus der Bukowina beschreibt, dem es gelungen ist, den Holocaust in Transnistrien zu überleben und über Rumänien nach Palästina auszuwandern, ist das Buch dennoch durchaus lesenswert. Dieser autobiographische Roman endet damit, dass Ruben Jablonski seine Schreibblockade überwindet und die ersten Seiten seines späteren Welterfolges "Nacht" schreibt. Umgekehrt, sollte der Leser erst mit "Nacht" beginnen, um Edgar Hilsenrath und seinem Alter Ego Ruben Jablonski gerecht zu werden.

01 November 2018

Germany: Jekyll & Hyde • 1939 - Deutschland von Innen betrachtet

Meine Wertung

Wer ist hier gemeint?

"...... verfolgt keine Idee, dient keinem Volk, hat kein staatsmännisches Konzept, sondern befriedigt einzig und allein sein Ego. Seine Motive sind sture Eigenliebe, Erbitterung und eine korrupte Phantasie. Die Ziele, die er in der genannten Reihenfolge zu verwirklichen sucht, und zwar nur so weit, wie sie das vorangehende Ziel nicht gefährden, sind:
1. Seine persönliche Macht zu erhalten und zu erweitern;
2. Rache an allen Personen und Institutionen zu nehmen, gegenüber denen er Haß empfindet, und das sind viele;
3. [...]
Alles andere ist vorgetäuscht und Taktik. In der enormen Hartnäckigkeit und in der Skrupellosigkeit seiner Eigenliebe liegt Größe, und genialisch ist, wie er bestimmte Formen der Macht instinktiv erfasst und ausnutzt. Insgesamt ist sein Charakter, dessen Grundzüge Erbitterung und auffallend schlechter Geschmack sind, ungewöhnlich abstoßend, häßlich und hinterhältig. Güte, Großzügigkeit, Ritterlichkeit, Humor und sogar Mut gehen ihm völlig ab. Er ist ein armseliger Mensch - ohne Würde, ohne Haltung, ohne wahre Größe."


Sebastian Haffner meinte in seinem 1940 erschienen Buch "Germany: Jekyll & Hyde" Adolf Hitler, aber könnte es sein, dass wir heute einen anderen Staatslenker im Auge haben? Das allein beweist schon, wie erhellend es ist, dieses Buch heute und gerade heute zu lesen. Winston Churchill hat die hier vorliegende englische Übersetzung des Buches zur Pflichtlektüre für sein Kabinett gemacht und was für Churchill Recht war, sollte für uns allemal billig sein!

20 October 2018

Jeeves macht alles

Meine Wertung

Ein grandioser Start

Dem Kammerdiener Reginald Jeeves begegnen die deutschen Leser erstmals in leider vergriffenen Band "Jeeves macht alles" von P. G. Wodehouse, kurz für Sir Pelham Grenville Wodehouse. Laut Wikipedia gelten "einige seiner Romane […] als Klassiker des 20. Jahrhunderts. Die britische Zeitung The Guardian nahm 2009 mehrere seiner Romane in die Liste der 1000 Romane auf, die jeder gelesen haben muss. Robert McCrum führt 'Ohne mich, Jeeves!' in der im Guardian veröffentlichen Liste der 100 besten englischsprachigen Romane auf. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler 'Alter Adel rostet nicht' zu einem der bedeutendsten britischen Romane." Wodehouse gilt im englischsprachigen Raum als einer der meist gelesenen Humoristen des 20. Jahrhunderts. Seine Romanfigur Jeeves wird uns ab jetzt über mehr als ein halbes Jahrhundert begleiten. Anders als wir, altern Jeeves und die übrigen Protagonisten in den zwischen 1917-1974 erschienen Kurzgeschichten und Romanen nicht. "Jeeves macht alles", ein grandioser Anfang, steht hier zum Download zur Verfügung und, wer einmal in den Bann von Jeeves & Co. geraten ist, wird vermutlich auch die übrigen Bände verschlingen.

16 October 2018

Der Ghost Writer

Meine Wertung

Jüdischkeit im Prisma

In "Der Ghost Writer" tritt zum ersten Mal Nathan Zuckerman als Alter Ego von Philip Roth auf; "Zuckermans Befreiung" und "Die Anatomiestunde" sowie als Epilog-Band "Die Prager Orgie" werden die Zuckerman-Trilogie abrunden. Gleichsam wie das Licht in einem optischen Prisma, wird  jüdisches Leben in den USA gebrochen und dreifach reflektiert, im Literaturbetrieb, in der Familie und in der Bewältigung der Shoah. Nur ein literarisches Ausnahmetalent wie Philip Roth mit seinem biografischen Hintergrund ist in der Lage, diese komplexe Erzählstruktur so elegant und scheinbar mühelos zu bewältigen, dass der Leser zu keinem Zeitpunkt den Überblick verliert oder etwa gelangweilt wird. Der Roman wurde 1980 für den Pulitzer-Preis nominiert und befand sich auch auf der Shortlist für den National Book Award; beide Ehrungen blieben ihm versagt, nicht anders als der längst überfällige Literaturnobelpreis für den Autor - zu spät, Philip Roth ist am 22. Mai 2018 in New York gestorben! Eine Randnotiz: Was die lasziv rauchende Schönheit auf dem Buchcover verloren hat, weiß niemand, allenfalls die Marketingstrategen des Rowohlt-Verlages; jedenfalls hat diese Illustration mit diesem Roman nichts, aber auch gar nichts, zu tun.