12 November 2018

Die Abenteuer des Ruben Jablonski • Ein autobiographischer Roman

Meine Wertung


Nichts Halbes und nichts Ganzes

Edgar Hilsenrath bezeichnet "Die Abenteuer des Ruben Jablonski" als einen autobiographischen Roman. Genau hier liegt das Problem, denn für eine Autobiographie ist das Buch viel zu oberflächlich, für einen Roman literarisch viel zu anspruchslos. Das ist ohne Zweifel eines der schwächeren Werke von Edgar Hilsenrath. Da der Autor exemplarisch den Lebensweg eines Juden aus der Bukowina beschreibt, dem es gelungen ist, den Holocaust in Transnistrien zu überleben und über Rumänien nach Palästina auszuwandern, ist das Buch dennoch durchaus lesenswert. Dieser autobiographische Roman endet damit, dass Ruben Jablonski seine Schreibblockade überwindet und die ersten Seiten seines späteren Welterfolges "Nacht" schreibt. Umgekehrt, sollte der Leser erst mit "Nacht" beginnen, um Edgar Hilsenrath und seinem Alter Ego Ruben Jablonski gerecht zu werden.

01 November 2018

Germany: Jekyll & Hyde • 1939 - Deutschland von Innen betrachtet

Meine Wertung

Wer ist hier gemeint?


"...... verfolgt keine Idee, dient keinem Volk, hat kein staatsmännisches Konzept, sondern befriedigt einzig und allein sein Ego. Seine Motive sind sture Eigenliebe, Erbitterung und eine korrupte Phantasie. Die Ziele, die er in der genannten Reihenfolge zu verwirklichen sucht, und zwar nur so weit, wie sie das vorangehende Ziel nicht gefährden, sind:
1. Seine persönliche Macht zu erhalten und zu erweitern;
2. Rache an allen Personen und Institutionen zu nehmen, gegenüber denen er Haß empfindet, und das sind viele;
3. [...]
Alles andere ist vorgetäuscht und Taktik. In der enormen Hartnäckigkeit und in der Skrupellosigkeit seiner Eigenliebe liegt Größe, und genialisch ist, wie er bestimmte Formen der Macht instinktiv erfasst und ausnutzt. Insgesamt ist sein Charakter, dessen Grundzüge Erbitterung und auffallend schlechter Geschmack sind, ungewöhnlich abstoßend, häßlich und hinterhältig. Güte, Großzügigkeit, Ritterlichkeit, Humor und sogar Mut gehen ihm völlig ab. Er ist ein armseliger Mensch - ohne Würde, ohne Haltung, ohne wahre Größe."


Sebastian Haffner meinte in seinem 1940 erschienen Buch "Germany: Jekyll & Hyde" Adolf Hitler, aber könnte es sein, dass wir heute einen anderen Staatslenker im Auge haben? Das allein beweist schon, wie erhellend es ist, dieses Buch heute und gerade heute zu lesen. Winston Churchill hat die hier vorliegende englische Übersetzung des Buches zur Pflichtlektüre für sein Kabinett gemacht und was für Churchill Recht war, sollte für uns allemal billig sein!

20 October 2018

Jeeves macht alles

Meine Wertung

Ein grandioser Start

Dem Kammerdiener Reginald Jeeves begegnen die deutschen Leser erstmals in leider vergriffenen Band "Jeeves macht alles" von P. G. Wodehouse, kurz für Sir Pelham Grenville Wodehouse. Laut Wikipedia gelten "einige seiner Romane […] als Klassiker des 20. Jahrhunderts. Die britische Zeitung The Guardian nahm 2009 mehrere seiner Romane in die Liste der 1000 Romane auf, die jeder gelesen haben muss. Robert McCrum führt 'Ohne mich, Jeeves!' in der im Guardian veröffentlichen Liste der 100 besten englischsprachigen Romane auf. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler 'Alter Adel rostet nicht' zu einem der bedeutendsten britischen Romane." Wodehouse gilt im englischsprachigen Raum als einer der meist gelesenen Humoristen des 20. Jahrhunderts. Seine Romanfigur Jeeves wird uns ab jetzt über mehr als ein halbes Jahrhundert begleiten. Anders als wir, altern Jeeves und die übrigen Protagonisten in den zwischen 1917-1974 erschienen Kurzgeschichten und Romanen nicht. "Jeeves macht alles", ein grandioser Anfang, steht hier zum Download zur Verfügung und, wer einmal in den Bann von Jeeves & Co. geraten ist, wird vermutlich auch die übrigen Bände verschlingen.

16 October 2018

Der Ghost Writer

Meine Wertung


Jüdischkeit im Prisma

In "Der Ghost Writer" tritt zum ersten Mal Nathan Zuckerman als Alter Ego von Philip Roth auf; "Zuckermans Befreiung" und "Die Anatomiestunde" sowie als Epilog-Band "Die Prager Orgie" werden die Zuckerman-Trilogie abrunden. Gleichsam wie das Licht in einem optischen Prisma, wird  jüdisches Leben in den USA gebrochen und dreifach reflektiert, im Literaturbetrieb, in der Familie und in der Bewältigung der Shoah. Nur ein literarisches Ausnahmetalent wie Philip Roth mit seinem biografischen Hintergrund ist in der Lage, diese komplexe Erzählstruktur so elegant und scheinbar mühelos zu bewältigen, dass der Leser zu keinem Zeitpunkt den Überblick verliert oder etwa gelangweilt wird. Der Roman wurde 1980 für den Pulitzer-Preis nominiert und befand sich auch auf der Shortlist für den National Book Award; beide Ehrungen blieben ihm versagt, nicht anders als der längst überfällige Literaturnobelpreis für den Autor - zu spät, Philip Roth ist am 22. Mai 2018 in New York gestorben! Eine Randnotiz: Was die lasziv rauchende Schönheit auf dem Buchcover verloren hat, weiß niemand, allenfalls die Marketingstrategen des Rowohlt-Verlages; jedenfalls hat diese Illustration mit diesem Roman nichts, aber auch gar nichts, zu tun.

30 September 2018

Alles ist erleuchtet


Meine Wertung

Kein Sonntagsspaziergang

Man sollte sich von dem nur scheinbar einfachen Plot des Romans "Alles ist erleuchtet" von Jonathan Safran Foer nicht täuschen lassen: Ein junger Jude aus den USA, reist in die Ukraine, um die Frau zu finden, die seinem Großvater das Leben rettete, als die Nazis 1941 die Bewohner von dessen Heimatort, des jiddischen Schtetls Trochenbrod, ermordeten. Aber anders als in zahlreichen anderen Schtetl in Osteuropa, waren die Bewohner von Trochenbrod, bis zu 4.000 Seelen vor dem Zweiten Weltkrieg, ausschließlich jüdisch. Bis auf wenige Menschen, wurden im Holocaust alle von der deutschen SS und deren ukrainischen Kollaborateuren ermordet und Trochenbrod dem Erdboden gleichgemacht; so gründlich, dass heute, abgesehen von wenigen Gedenksteinen, buchstäblich nichts mehr an dieses Schtetl erinnert, kein Haus, kein Platz, keine Straße, nichts, einfach nichts. Und so surrealistisch, wie dieser Roman über weite Strecken anmutet, ist auch der Versuch, Trochenbrod in der weitläufigen Landschaft der ukrainischen  Provinz wiederzufinden, und ich weiß ganz genau, wovon ich rede! Dennoch sollten sich Leser und Reisende nicht entmutigen lassen, aber für alle gilt: Weder die Lektüre des Buches noch die Reise nach Trochenbrod lassen sich gleichsam als Sonntagsspaziergang bewältigen und es empfiehlt sich daher, bei jeder Seite und jedem Schritt fokussiert zu sein.

15 September 2018

Photo Finish and Balance Sheet in Rheinberg (9,115 km)


Distance: 9,115 kilometers = 5,664 miles
Route by motorcycle: 7,398 km = 4,597 miles
Route by ferry boat: 1,062 km = 660 miles
Route by railroad: 655 km = 407 miles
Travel period: 02.08.2018 - 12.09.2018 = 42 days
Difference in temperature: 11°C=52°F (Bukovel) / 39°C=102°F (Istanbul)
Photos: about 2,500
Traffic tickets: US$ 10.00 (see Bakshish)
Major problem: ghost driver coming up ahead between Lublin and Chelm
Bakshish: US$ 10.00 (see Traffic tickets)
Travel expenses: affordable
Personal meetings: innumerable
Experiences: priceless

Stages (19 stages = 9,115 km = 42 days)


Photographic Supplement

Architectonic Contrasts in Warsaw
Bukovinian Sportsmanship in Warsaw
Shopping Experience with Dictator in Odessa
Shopping Experience with Nude in Odessa
Mortuary Car to Rent in Batumi
Shopping Experience in Anatolia
Gas Station with Mosque or Vice Versa in Anatolia
Potemkin Police Patrol in Turkey
Twilight in Istanbul
Night Shopping in Istanbul
Fish Market in Istanbul
Bye-Bye, Orient!

14 September 2018

Blurred Borders (Vienna, 7924 km)

(Vienna, 10.09.2018 - 12.09.2018) Coming to Vienna, one of my first walks takes me to the Freyung a triangular public square in Vienna, located in the first district of the city. The name Freyung has its origin from the old German word "frey", meaning "free". I love the mood of this square with its mixture of Austrian and Italian atmosphere in the middle of Vienna.



Apparently not too much has changed over the last century, the photo above showing the Freyung on June 7, 1917. I harvested this photo (Courtesy: ÖNB Photo Archives) from the catalog to the exhibition "Verwischte Grenzen • Jüdische Identitäten in Zentraleuropa nach 1918" [Blurred Borders • Jewish Identities in Central Europe after the year 1918]. The exhibition organized by the Institute for Jewish History in Austria and hosted by the former St. Pölten Synagogue is still running until October 6, 2018.




One of the exhibition walls is dedicated to Romania and Bukovina. We discover two photos, a short biography of my grandfather Elias Hauster as well as an excerpt out of one of his letters from September 1947,  addressed to my father, Julius Hauster:

"Als die Bukowina im Jahre 1918 an Rumänien fiel, mußte ich, da ich höherer Stadtbeamter war, wohl oder übel als 40-jähriger Mensch A-B-C-Schütze in der rumänischen Sprache werden. Wir Minoritätler mußten nach Absolvierung eines Kursus durch eine Prüfung nachweisen, daß wir die rumänische Sprache so weit beherrschen, als sie zum 'Amtsgebrauche' notwendig ist, was auch richtig geschah. Die schöne rumänische Sprache nahm dabei keinen ernstlichen Schaden, denn Rumäne und Nichtrumäne gaben in herzerfreuender Einmütigkeit ihrer Überlebensfreude über den Weltkrieg hinaus in gutem bukowiner Deutsch mehr oder weniger beredten Ausdruck, je nach dem Vorrat an täglicher Speise - Mămăligă [Anm.: rum. 'Maismehlbrei'] mit Rübenschnitzelmarmelade - über die man verfügte.  Als neugebackener Bürger des nunmehrigen 'Großrumänien' geriet ich oft in die Notwendigkeit, an Behörden Gesuche in rumänischer Sprache zu machen. Kleine stilistische Unvollkommenheiten waren nie ein Hindernis für die Abweisung dieser Gesuche, wenigstens waren die Abweisungen nie mit meinen Stilentgleisungen motiviert."

This letter deals ostensibly with the Romanian language examination, which 'senior civil servants' like my grandfather, raised in the Austro-Hungarian Monarchy, had to take in order to keep their position. As a matter of fact it's rather a reckoning with the supercilious treatment by the authorities in interwar Greater Romania, a tractate full of subtle irony and masterly worded in German language. This is just one out of 143 letters written by my grandfather to my father Julius Hauster on different subjects like aliya, politics in post WW2 Romania, Soviet Russia, Palestine, Transnistria, Czernowitz, Auschwitz, Radautz and much else. These letters are available online: http://radautz.blogspot.com/

Dr. Gaëlle Fisher starts her article "Between Liberation and Emigration: Jews from Bukovina in Romania after the Second World War", published in the Leo Baeck Institute Year Book 2017, as follows: "The more than one hundred letters written by Elias Hauster (born 1878) to his son Julius (born 1912) between 1946 and 1949 give a privileged insight into the circumstances of Bukovina Jews in the immediate aftermath of the war. [...] The preserved correspondence, Elias’s letters to his son, reveal a great deal about everyday life and circumstances as well as Elias’s visions of the future and the lessons drawn from the recent past. In 1946 when the correspondence started, Elias and his wife were in a desperate situation. They lived in a small, cold basement flat without a bathroom, and they were in need of everything: clothes, food, and medication."

No doubt about, Elias would have been proud to appear on the same exhibition board together with Prive Friedjung and Paul Celan!