05 August 2007

Landstraße Shkoder - Podgorica (Koplik/Shkoder - 4.850 km)

(Koplik/Shkoder, 04.08.07 - 05.08.07) Als ich meinem Freund, Klaus Binder, den Verkehrsunfall in Albanien schilderte, meinte er, daß zumindest für solche Tage die Möglichkeit bestehen sollte, die Zeit zurückzudrehen; Recht hat er. Ich kann nicht anders, als nur völlig nüchtern über die Ereignisse dieser zwei Tage berichten - zu schmerzhaft sind die Einzelheiten und die Eindrücke, die zurückgeblieben sind. Was ist geschehen?

Zum Unfallzeitpunkt, d. h. am 04.08.07, fuhr ich auf der Landstraße von Shkoder in Richtung Montenegro, als in Höhe von Koplik ein älterer Mann plötzlich, ohne den Straßenverkehr zu beachten, oder zumindest bewußt wahrzunehmen, die Straße von links nach rechts überquerte.

Ich bremste sofort und hupte, um den Mann auf mich aufmerksam zu machen. Der Mann reagierte aber nicht auf die Hupsignale und setzte die Straßenüberquerung unbeirrt fort. Wie sich erst später herausstellte, waren das Seh- und Hörvermögen des Mannes sehr stark eingeschränkt. Das Brems- und Ausweichmanöver scheiterte, ich geriet auf den geschotterten Seitenstreifen und erfaßte den Mann frontal mit meinem Fahrzeug. Er zog schwerste Kopfverletzungen davon, lage zwei Tage im Koma und es ist völlig ungewiß, ob, wann und in welchem Umfang er sich jemals erholen wird. Zur Zeit liegt er auf der Intensivstation des Krankenhauses von Shkoder. Nach dem Zusammenprall stürzte ich ebenfalls und erlitt dabei Rippenprellungen. Mehrere Unfallzeugen, darunter auch Kinder, haben den Unfall beobachtet und gegenüber den herbeigerufenen Polizei- und Untersuchungsbeamten übereinstimmend erklärt, daß ich den Unfall nicht hätte verhindern können.

Der Unfallhergang wurde vor Ort von Beamten der Verkehrspolizei, der Kriminalpolizei (zur Spurensicherung an der Unfallstelle) und der Gerichtspolizei untersucht. Die Untersuchung wurde anschließend im Polizeipräsidium von Shkoder fortgeführt. Während die Beamten der Verkehrspolizei ein Unfallgutachten erstellten, wurde ich von den Beamten der Gerichtspolizei befragt.

Selbst wenn mich keine Schuld trifft, wurde gegen mich ein Ermittlungsverfahren eröffnet und ich mußte dem Offizier der Gerichtspolizei, der im Auftrag der Staatsanwaltschaft von Shkoder tätig wurde, u. a. mein Motorrad, den Reisepaß und die Fahrzeugpapiere übergeben. Es verrotten noch andere Autos und Motorräder auf dem Hinterhof des Polizeipräsidiums von Shkoder.

Neben dem offiziellen Rechtssystem herrscht in Albanien, und insbesondere in Nord-Albanien, ein ungeschriebenes „Recht der Familie“ auf „Blutrache“ bzw. „Entschädigung“. Die Frage der „Blutrache“ stellte sich nicht mehr, nachdem alle Unfallzeugen nicht nur den Untersuchungsbeamten, sondern auch den Familienmitgliedern versichert hatten, daß mich keine Schuld an dem Unfall träfe. Die Frage der „Entschädigung“ wurde aber von einigen Familienmitgliedern in zunehmend bedrohlicher Form gestellt. Unter diesen Umständen zog ich es vor, Shkoder zu verlassen und mich in die Obhut der Deutschen Botschaft zu begeben. Das war auch dringend geboten, denn einerseits war und ist der Zustand des Verletzten kritisch, andererseits wuchs der Druck der Familie auf die Untersuchungsbeamten. Die Deutsche Botschaft, vertreten durch Yvonne und Markus L. sowie Marzela C., die mich während der gesamten Zeit hervorragend betreut haben, versuchte dann am Folgetag, zusammen mit dem von mir zwischenzeitlich bestellten albanischen Anwalt, meinen Reisepaß wiederzubeschaffen. Das gelang endlich am 05.08.07, gegen 21:00 Uhr. Ich reiste dann - aus eigener Initiative, aber auch auf dringendes Anraten der Deutschen Botschaft - noch am gleichen Abend gegen 23:00 auf dem Seeweg aus Albanien nach Italien aus.

Am 06.08.07 erreichte meine Fähre, die "Adriatica", den Hafen von Bari in Süditalien und ich flog noch am gleichen Tag über Stuttgart nach Düsseldorf.

Meine Maschine steht noch bei der Polizei in Shkoder und meine Anwälte in Deutschland und Albanien versuchen, das Ermittlungsverfahren gegen mich zum Abschluß zu bringen und mein Motorrad wiederzubeschaffen.

Für den Unfallhergang habe ich Worte finden können, für das Mitleid mit dem verletzten Mann, seiner einzigen Tochter und den übrigen Familienmitgliedern fehlen sie mir jedoch. Ich komme zurück an den Anfang: Es gibt nur den - unerfüllbaren - Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu können.

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