13 June 2008

Czernowitz-Immobilien (2.077 km)


(Czernowitz, 13.06.08)
Ebenso wie Czernowitz in seiner bewegten Geschichte, waren auch die Straßennamen einem ständigen Wechsel unterworfen. Sie haben die Kriegswirren und vier verschiedene Epochen relativ unbeschadet überstanden:

Österreich-Ungarn = 1775-1918
Rumänien = 1919-1940
Sowjetunion = 1940-1941
Rumänien = 1941-1944
Sowjetunion = 1944-1991
Ukraine = 1991-2008

Auf der Schnirchgasse (Holzgasse), die heute nur noch bruchstückhaft zu erkennen ist, müssen in 1883 meine Urgroßeltern, der Schneidermeister Mechel Fleischer und seine Gattin, Freude Ehrlich, gewohnt haben.

Schnirchgasse (Holzgasse) 28
Strada Locotenent Breaban 28
Sidi Tal Str. 28

Die Geschäfte liefen offenbar gut, denn bereits drei Jahre später, in 1886, wohnten Mechel und Freude auf der Landhausgasse, einer besseren Adresse.

Landhausgasse 17
Strada General Mircescu 17
Shchorsa 17
Andrey Sheptyts'kyy Str. 17

In 1909 wohnten und arbeiteten Mechel Fleischer und Freude Ehrlich in der Ambrosgasse 6. An der Stelle der heutigen Boutique "Macho" befand sich in 1909 das exklusive Herrenausstatter-Modehaus des Mechel Fleischer.

Ambrosgasse (Enzenberggasse) 6
Strada Tudor Vladimirescu 6
Gogolya Str. 6


Genau gegenüber, in der Ambrosgasse 7, wohnten ihre Kinder, der Bahnadjunkt Emil Fleischer und meine Großmutter Marjem Hauster, geb. Fleischer, zusammen mit ihrer Schwester, der Offiziersgattin Gitel Bardach. Dies ist auch das Geburtshaus meines Vaters, Julius Hauster (1912), und seines Bruders, Maximilian Hauster (1909).

Ambrosgasse (Enzenberggasse) 7
Strada Tudor Vladimirescu 7
Gogolya Str. 7


Zur gleichen Zeit wohnte mein anderer Urgroßvater, der Privatier Isak Hausthor, bei seinem Schwiegersohn, dem Konfektionär Leon Rudel, auf der Kuczurmarerstrasse 22.

Kuczurmarerstrasse 22
Strada Cuciurul Mare 22
Chervonoarmiys'ka Str. 22


Der Erste Weltkrieg zwang meine Großeltern und ihre beiden Söhne zu Militärdienst und Flucht nach Wien. Aus Wien in das nunmehr rumänische Czernowitz zurückgekehrt, wohnten sie in dem Haus in der Bräuhausgasse, ebenfalls eine Hinterlassenschaft der Urgroßeltern Mechel Fleischer und Freude Ehrlich.

Bräuhausgasse 8
Strada Razboieni 8
Lukiana Kobylitsi 8

Später, in den 20-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, verkauften dann meine Großeltern, Elias und Marjem Hauster, das Haus in der Ambrosgasse und erwarben von dem Erlös zwei großzügige Eigentumswohnungen in der Stadtmitte von Czernowitz. Von der ersten, in der Althgasse, ist leider nur noch das Grundstück übrig geblieben.

Althgasse 7
Strada Cuza Voda 7
Lesi Ukrainki 7

Die zweite jedoch, in der Dreifaltigkeitsgasse, erblüht in renoviertem Glanz und ist nicht uninteressant, wenn es um Rückerstattungs- bzw. Entschädigungsansprüche von "armen" Erben geht.

Dreifaltigkeitsgasse 36/a
Sfanta Treimi 36/a
Bohdan Khmel'nytskyy Str. 36

Dieses war das alte, österreich-ungarische, innerstädtische Czernowitz; wie es heute rund herum aussieht, hat Klaus Binder entdeckt und in seinem Blog


beschrieben. Begleitet ihn also auf seinen Spaziergängen durch die ukrainische Wirklichkeit!

8 comments:

Anonymous said...

hallo
meine urgrosseltern wohnten auch in czernowitz, razbojen 46 zuerst (anscheinend) und dann bräuhausgasse 5.

ist razbojen das gleiche wie bräuhausgasse?
danke, lg max

Edgar Hauster said...

Hallo lg max,

Strada Razboieni (rum.=Kriegerstraße) ist identisch mit der Bräuhausgasse. Ein sehr gutes Straßenverzeichnis (mit "Übersetzung") findest du hier:

http://www.czernowitz.de/61/Nomenclatura...

Jede Menge Adressbücher (1898, 1909, etc.) findest du hier:

http://czernowitz.blogspot.com/

Viel Glück bei der Suche!

max said...

hallo
vielen dank für die info ich werde dieses jahr noch hinfahren. leider kann ich keine verwandten, weder in radautz noch in czernowitz in den adressbüchern finden, ich denke sie werden zu arm gewesen sein um da drinnen zu erscheinen... und sie waren deutschsprechende, die dann 1940 eine mehrjährige reise/flucht durch das gesamte damalige deutsche gebietm achen mussten, vom einem lager um nächsten...
max

Edgar Hauster said...

Hallo Max,

wir haben weitere zwei (noch unveröffentlichte) Adressbücher von 1914 bzw. 1924/25. Wenn du uns einen Nachnamen sagst, nach dem wir suchen können, wollen wir das gerne tun.

Ansonsten viel Erfolg und einen guten Rutsch ins Jahr 2009!

max said...

in raduatz lebten verwandte mit dem namen röder. die hab ich schon gefunden. sie hatten die erst und einzige fahrzeugwerkstätte in radautz und waren relativ wohlhabend. sind auch 1940 geflohen.

in czernowitz lebten meine direkten vorfahren mit den namen Pauk, Hunger und der wichtigste: Woenovski. mein urgrossvater wladimir woenovski arbeitete im schulinspektorat und musste jeden monat die gehälter aller lehrer neu berechnen und auszahlen.

Edgar Hauster said...

Hallo Max,

die Namen Röder in Radautz und Pauk in Czernowitz tauchen 1914 ebenfalls auf; Hunger erscheint in Czernowitz wieder in 1924/25.

Wenn du mir deine e-mail-Adresse aufgibst, dann kann ich dir auf Wunsch entsprechende Scans zuschicken.

Viele Grüße aus den Niederlanden!

Dr. Salo Spielberg said...

Hallo aus Frankreich,
Ich binn selbst in Czernowitz geboren am 19/11/1933. Meine Grossältern wohnten in der Cuciurul Mare Strasse N° 30 und wurden nach Transnistrien deprtiert. Mein Grossvater, Joseph Rosenblatt ZAL wurde leider dort getötet. To whom it may concern!!!

Edgar Hauster said...

Lieber Dr. Salo Spielberg,

vielen Dank für Ihren Comment in meinem Blog (s. u.). Ich habe Ihre Mail-Adresse in einem anderen Blog, Moldova Impressions, entdeckt und freue mich, dass Sie mir geschrieben haben. Vielleicht wird es Sie interessieren, dass wir in der Czernowitz-L Discussion Group

http://czernowitz.ehpes.com/

mehr als 400 Czernowitzer aus aller Welt sind, Holocaust-Überlebende wie Sie, aber auch Czernowitzer der zweiten, dritten und vierten Generation. Wenn Sie diese Mail erreicht und Ihr Interesse weckt, dann schreiben Sie mir doch einfach!

Liebe Grüße nach Frankreich!

Edgar Hauster
Lent - The Netherlands